Erste Hilfe am Kind: Die Grundlagen

Wiebke
Wiebke21.01.2021Lesezeit ca. 15 Minuten

Kleinere und größere Unfälle lassen sich im Alltag mit Baby und Kind leider kaum vermeiden. Aber was tun im Notfall? Um euch bei diesem wichtigen Thema zu unterstützen, haben wir uns mit dem Deutschen Roten Kreuz in Bochum einen kompetenten Partner für die „Erste Hilfe am Kind" gesucht. Gemeinsam werden wir mit einer Reihe von Live-Videos auf unserer Facebook-Seite und unserem Instagram-Profil die verschiedenen Aspekte der Ersten Hilfe speziell für Eltern und den Familienkreis betrachten, damit ihr für jeden Notfall vorbereitet seid.


Artikelinhalt:


    Warum überhaupt Erste Hilfe am Kind?

    Jeder kennt sie, die plötzlichen Notfallsituationen. Oft sind es harmlose Kleinigkeiten wie ein Schnitt in den Finger, ein Stolpern oder Sturz ohne wesentliche Konsequenzen oder ein kurzzeitiger Schwindel, vielleicht lediglich durch zu viel Stress oder zu wenig Flüssigkeitszufuhr.

    Diese Situationen wickeln wir meistens „so nebenbei“ ab, denken vielleicht kurz über das Thema „Erste Hilfe“ nach, vergessen dies aber im Trubel des Alltags und über die Erleichterung, dass nicht mehr passiert ist. Außerdem mögen wir uns Schlimmeres, das uns oder unseren Liebsten widerfahren kann, gar nicht vorstellen und verdrängen nur allzu gern den Gedanken, dass wir so konkret gar nicht wissen, was in diesen Situationen zu tun wäre.

    Bei Eltern lösen folgende Bilder/Szenarien schon ganz andere Gefühle aus, geht es doch nicht mehr nur um einen selbst oder auch besonders nahestehende Mitmenschen, sondern um den unschuldigsten und schützenswertesten Teil des eigenen Lebens: unsere Kinder!

    Erfahrenere Eltern wissen, dass sich die kleinen Katastrophen des Alltags grundsätzlich nicht vermeiden lassen, ein aufgeschürftes Knie einfach dazugehört und man irgendwie auch diese Notfälle in den Griff zu kriegen in der Lage ist. Aber egal, ob erfahrenere Eltern oder erste Elternschaft, bei solchen Bildern spinnt unser Gehirn automatisch die Situation weiter, was im „worst case“, im schlimmsten Fall passieren könnte.

    Vier Grundgedanken zur Ersten Hilfe am Kind

    Um jede dieser oder auch weiterer vorstellbare Situationen beherrschen zu können, die wir dem Themenkreis „Erste Hilfe“ generell bzw. hier besonders dem Themenkreis „Erste Hilfe am Kind“ zuordnen, befassen wir uns zunächst mit den vier Grundgedanken zur Ersten Hilfe am Kind.

    1. Sicher fühlen im Alltag, sicher handeln im Notfall

    Dieser Satz ist nicht von ungefähr das Motto des DRK-Bildungszentrums in Bochum. Als (werdende) Eltern beschleicht uns zuweilen eine gewisse Unruhe bei dem Gedanken, dass es mal nicht nur ein aufgeschürftes Knie, sondern vielleicht eine sturzbedingte Bewusstlosigkeit oder gar ein durch ein verschluckten Fremdkörper ausgelöster Atemstillstand ist. Was wäre nun zu tun? Wir möchten euch durch eine übersichtlich und gut strukturierte Darstellung der Erste-Hilfe-Maßnahmen sowie die Vermittlung der jeweiligen Prioritäten ein sicheres Gefühl für den Alltag und vor allem die Kompetenzen für ein sicheres Handeln im Notfall vermitteln. Allein der Gedanke an Notfallszenarien löst Unbehagen, ein tatsächlicher Notfall oft Panik und Handlungsblockaden bzw. Unsicherheiten beim Handeln aus. Häufig ist dies auch das Ergebnis der Menge an Herausforderungen, die die Elternschaft mit sich bringt, womit wir beim zweiten Grundgedanken wären.

    2. Erste Hilfe als Teilbereich der "Stabsstelle Elternschaft"

    Vielleicht hört sich der Begriff „Stabsstelle“ in diesem Zusammenhang zuerst etwas fehl am Platze an, nichtsdestoweniger spiegelt er aber genau dessen Inhalt wieder: Als (werdende) Eltern seid ihr mit Fragen des Alltags quer durch alle Lebensbereiche beschäftigt! Und das beginnt nicht erst mit der Geburt des Kindes: Schon während der Schwangerschaft habt ihr euch neben den medizinischen Aspekten auch mit der Einrichtung des Kinderzimmers und vielem mehr beschäftigen müssen. Zwar habt ihr in vielen Bereichen kompetente Hilfe z.B. durch die Hebamme, Familie, Onlinehändler für Baby- und Kleinkindprodukte etc., dennoch kann bei den vielen Fragen und der Vorfreude auf den Familienzuwachs gerade die Erste Hilfe ins Hintertreffen geraten. Da uns als Experten für diesen Bereich die herausfordernde Realität sehr wohl bewusst ist, ist unser Anliegen dahingehend auf die Vereinfachung, Strukturierung und Reduktion der Kenntnisse und Maßnahmen auf das elementarste Erste-Hilfe-Wissen ausgerichtet, damit ihr euch als Eltern in diesem „Teilbereich“ trotzdem sicher fühlen könnt!

    3. Kinder sind besondere Patienten

    Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und nie normale bzw. fremde Patienten. Diesen dritten Grundgedanken muss man kaum erklären: Machen wir uns bei der Ersten Hilfe an Fremden oder gerade zu Zeiten von Corona vermehrt Gedanken zu Eigenschutz und Hygiene, spielen diese Aspekte bei den (eigenen) Kindern eine sehr untergeordnete Rolle. Oft wird im panischen Versuch, Hilfe zu leisten, sogar der elementarste Eigenschutz außer Acht gelassen bzw. die eigenen Ressourcen hoffnungslos überschätzt. In Notfallszenarien wie Hausbränden oder Ertrinkungsunfällen bringt das auch oft die Retter in Lebensgefahr und führt nicht immer zu einem guten Ausgang.

    Ebenfalls sollte berücksichtigt werden, dass Kinder – nicht zuletzt wegen der schnellen Entwicklung über die ersten Lebensjahre – auch anatomisch und physiologisch eben nicht nur die „kleine Version“ eines Erwachsenen darstellen, sondern auch hier Besonderheiten zu berücksichtigen sind. Die offensichtlichste Begründung dieses Grundgedankens findet sich jedoch in den besonderen Bedürfnissen bezüglich Kommunikation und psychischer Wahrnehmung der Umgebung. So können Kinder ihre Beschwerden und Empfindungen nicht nur nicht so artikulieren wie Erwachsene, sie nehmen Notfallsituationen, Schmerzen etc. auch ganz anders war und bedürfen hier besonderer Betreuung und Hilfe.

    4. Wir können immer etwas tun

    Egal, wie harmlos und alltäglich oder auch kompliziert bis dramatisch die jeweilige Notfallsituation ist: Wir können immer helfen und immer etwas tun! Dieser  vierte und letzte Grundgedanke stellt unser Credo aufgrund der jahrelangen Erfahrung im Umgang mit Notfallsituationen im Zusammenhang mit den Inhalten dieser Veranstaltung dar. Was konkret auch immer passiert, ihr habt als (werdende) Eltern auf Basis der vier Grundgedanken sowie der folgenden Inhalte immer die Möglichkeit etwas zu tun. Das können im Idealfall die im weiteren Verlauf dieser und der Folgeveranstaltungen vermittelten Inhalte sein oder – im einfachsten Fall – die naheliegendste und einfachste Möglichkeit: der Notruf!

    Der Notruf

    Kompetente Hilfe und Rettung auch bei Notfällen mit Kindern erhaltet ihr stets über die 1-1-2, und zwar sogar europaweit! Die erfahrenen Rettungsdienstler*innen, die als Disponenten den Notruf unter der 112 entgegennehmen, werden auf Basis eurer Informationen nicht nur das geeignete Rettungsmittel in kürzest möglicher Zeit schicken, sondern stehen euch auch bis zum Eintreffen des Rettungsdienstpersonals telemedizinisch zur Verfügung und leiten euch durch die Maßnahmen.

    Als Eselsbrücke für die grundlegendsten Informationen beim Notruf gelten die 5 W: Mit diesen Informationen kann euch der Leitstellen-Disponent schnellstmöglich die richtige Hilfe schicken sowie die weitere Rettungskette im Hintergrund in Gang setzen.

    Niemals solltet ihr als Eltern in einem Notfall einen selbstständigen Transport eures Kindes ins Krankenhaus durchführen, durch den ihr euch selber und das Leben eures Kindes – sowie weiterer Mitmenschen – zusätzlich in große Gefahr bringt!

    Die drei Leitfragen der Ersten Hilfe

    Für die schnelle und einfache Betrachtung jeder Notfallsituation und der sicheren Entscheidungsfindung über die weiteren notwendigen und gegebenenfalls lebensrettenden Maßnahmen machen wir uns die 3 Leitfragen der Ersten Hilfe zunutze:

    Drei Leitfragen der Ersten Hilfe

    Welche Gefahr droht dem Gehirn?

    Eine Beule lässt sich bei Kindern nicht immer vermeiden und ist in der Regel kein Grund für einen sofortigen Notruf.  Wenn im Zuge einer Gewalteinwirkung auf den Kopf jedoch Übelkeit und Erbrechen auftreten oder sich sogar Verhaltens- und/oder Wesensveränderungen bei eurem Kind offenbaren, ist schneller ärztlicher Rat geboten oder ein Notruf unabdingbar.

    Eine plötzliche Bewusstlosigkeit stellt immer Lebensgefahr dar und muss sofort zum Notruf führen! Auch viele akute Erkrankungen wie hohes Fieber können das Gehirn als grundlegende Steuerzentrale des Körpers bedrohen, die sich bei unseren Kindern auch noch in der Entwicklung befindet bzw. bei Säuglingen durch die noch nicht geschlossene Fontanelle besonders empfindlich ist.

    Bei einer vorliegenden Bewusstlosigkeit in Kombination mit einem Atemstillstand muss zur Rettung des Gehirns und seiner Funktionsfähigkeit unmittelbar mit der lebensrettenden Maßnahme der Herz-Lungen-Wiederbelebung bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes begonnen werden.

    Atmung

    Die Atmung ist das Leitsymptom schlechthin in der Ersten Hilfe und sollte stets primär betrachtet werden! So gilt nach dem einfachen Grundsatz „Wer schreit, atmet, wer atmet, lebt!“, dass ein schreiendes Kind erst einmal ein lebendiges Kind ist, auch wenn gegebenenfalls Verletzungen und/oder akute Erkrankungen vorliegen. Niemals solltet ihr euch auf den Puls verlassen, da dieser auch noch regelrecht vorhanden sein kann, obwohl die Atmung schon längst ausgesetzt hat und das Gehirn akut bedroht ist. Bei Kindern spielt das Atmungssystem auch beim Herz-Kreislauf-Stillstand eine übergeordnete Rolle, daher sollte bei Bewusstlosigkeit unabhängig von der Ursache und/oder weiteren Hintergründen stets zuerst die Atmung überprüft und – neben einem zügigen Notruf – unmittelbar mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes begonnen werden!

    Ist das Kind bei Bewusstsein und hat somit eine (normale) Atmung, droht dem Gehirn keine unmittelbare Gefahr und ihr könnt euch zunächst der dritten Leitfrage zuwenden.

    Symptome

    Das Kinde ist wach und reagiert, wodurch ihr die Atmung feststellen und eine (unmittelbare) Gefahr für das Gehirn ausschließen und euch weiteren Symptomen zuwenden könnt. Hier erinnern wir an den Grundgedanken, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind und Symptome ganz anders wahrgenommen oder artikuliert (z.B. Schreien, Wimmern) oder zu ganz anderen Diagnosen führen können als bei Erwachsenen.

    Ihr kennt euer Kind und sein Verhalten am besten und genießt das größte Vertrauen! Beobachtet genau, wie euer Kind reagiert, achtet auf Hautfarbe, -temperatur und -feuchtigkeit, bemerkt Abnormitäten bei Bewegungsabläufen oder Schmerzvermeidungsverhalten. Setzet euch dabei nicht unter Druck: Eure Beobachtungen und das Sammeln der Symptome helfen euch bei der Entscheidung über die Notwendigkeit eines Notrufs und liefern dem Rettungsdienst Anhaltspunkte für eine weitere Diagnostik.

    Ist euer Kind etwa müde und abgeschlagen und hat leicht erhöhte Temperatur, werdet ihr vielleicht eher für Ruhe, Wärme und Betreuung sorgen und erst nach weiterer Verlaufsbeobachtung und Entwicklung eines Infektes den Kinderarzt zu Rate ziehen. Hat euer Kind aber „Aua Bauch!“, ihr könnt falsche Nahrung, Stuhlverhalt, Koliken sowie eine konkret schmerzende Stelle am Bauch bzw. eine harte Bauchdecke ausschließen und euer Kind hat zudem Atemnot, müsst ihr den Notruf absetzen!

    Warum ist es so wichtig, dass ihr euch auf Symptome konzentriert und diese weitergebt? Wer denkt bei Kindern schon an Diagnosen wie Schlaganfall und Herzinfarkt? Die oben beschriebenen Symptome zum schmerzenden Bauch ohne weitere Ursachenfindung und in eventueller Kombination mit Atemnot können das Rettungsdienstpersonal jedoch mit einem Herzinfarkt bei Kindern in Verbindung bringen und entsprechend weitere Diagnostik veranlassen.

    Fazit
    Mit Hilfe der drei Leitfragen zu Gehirn - Atmung - Symptomen könnt ihr schnell und treffsicher Entscheidungen über die Bedrohlichkeit der Notfallsituation und der Veranlassung weiterer Maßnahmen fällen.

    Zwei Schemata der Ersten Hilfe

    Ihr habt nun mit Hilfe der vier Grundgedanken, des Notrufs und der drei Leitfragen schon die wichtigsten Grundlagen für die Einschätzung der Notfallsituation und der Veranlassung weiterer Maßnahmen an die Hand bekommen. Dabei haben wir schon Begriffe wie Bewusstlosigkeit und Atmungskontrolle angesprochen und Maßnahmen wie die Herz-Lungen-Wiederbelebung oder auch die Betreuung des verletzten/erkrankten Kindes angedeutet. Doch wann konkret ergreifen wir welche Maßnahmen?

    Dazu verwenden wir in der Ersten Hilfe einfache Übersichten, die als Ablaufschemata das Vorgehen im Notfall – unter Einbeziehung der Grundgedanken, des Notrufs und der Leitfragen – beschreiben und zu den jeweils richtigen Maßnahmen führen. Wir stellen euch diese Schemata hier für einen Überblick vor. Sie sind der rote Faden für die kommenden Live-Videos und werden entsprechend auch hier im Ratgeber vorgestellt.

    Das cABCDE-Schema der Ersten Hilfe

    Dieses Schema ist ein internationalisiertes, aus dem amerikanischen Rettungsdienst stammendes Ablaufschema, das zunehmend auch in unserem Rettungsdienst Anwendung findet. Es dient der professionellen Abwicklung von Notfällen und ist auf ein Minimum reduziert.

    cABCDE Schema der Ersten Hilfe

    Das Basisschema der Ersten Hilfe nach Matreitz

    Dieses Schema entstammt dem Lehrbuch zur Ersten Hilfe von Tobias Matreitz, der die Live-Beratung gemeinsam mit uns umsetzt. Es beschreibt etwas umfangreicher die Abwicklung von Notfällen bei Personen/Kindern bzw. im Rahmen der Ersten Hilfe durch Laien.

    Beide Schemata können aufeinander bezogen und parallel angewendet werden, da sie zwei Möglichkeiten der Abwicklung darstellen, denen aber beide die hier vorgestellten Grundgedanken und Leitfragen zugrunde liegen. Beide helfen euch dabei, den roten Faden bei der Abwicklung von Notfallsituationen zu erkennen und sich die wichtigen Maßnahmen einzuprägen.

    Erste Hilfe-Material zum Download

    Basisschema der Ersten Hilfe
    cABCDE-Schema der Ersten Hilfe

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    Dieser Beitrag entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit dem DRK-Kreisverband Bochum e.V. und wurde gemeinsam mit Tobias Matreitz und Jürgen Richter erarbeitet.

    Hier geht's zum DRK-Kreisverband Bochum e.V.